"Nach 5 Jahren Studium zum Berufseinstieg NUR 50.000 EURO Einstiegsgehalt und ich soll 40 Stunden pro Woche arbeiten?! 
In welch einer Welt leben wir?"

Lesezeit: 3 Minuten

Ich bin nach knapp 10 Jahren in meiner Position als geschäftsführender Gesellschafter in Bewerbungsgesprächen doch immer wieder überrascht, mit welchen Vorstellungen und welchem Selbstverständnis gerade Absolventen in unserem Bewerbungsprozess auftreten, vor allem, wenn es um Arbeitseinstellung, Gehaltsvorstellungen und den ganz persönlichen Lifestyle geht.

Ich bin immer wieder verwundert, wie wenig Verständnis dafür herrscht, dass man wenn man als Absolvent aus dem Studium kommt und in die Arbeitswelt eintreten möchte, erstmal wieder vollkommen bei Null anfängt und sich seinen Platz in der Arbeitswelt zunächst durch Fleiß, Proaktivität und Eigeninitiative erarbeiten muss. 
Dass diese Eigenschaften und dazu noch "harte Arbeit" notwendig sind, um sich im Job zu etablieren und die Karriereleiter sukzessive hochzuklettern, um nach 2-3 Jahren eine gute Verhandlungsposition zu haben, zu mehr Gehalt zu gelangen, indem man selbst in Vorleistung gegangen ist und einen echten Nutzen für den Arbeitgeber geschaffen hat, scheint keinen Platz im Mindset vieler Berufseinsteiger zu finden. 
Verständnis dafür, dass ich mich mit Leistung, Präsenz und dem Erzielen von Ergebnissen aus der Masse hervorheben muss, um in die Position zu kommen, Forderungen zu stellen, suche ich ebenfalls oftmals vergebens. 

- "Warum 40 Stunden pro Woche arbeiten, wenn man auch mit 30 auskommen könnte?" (Aber bitte bei gleichem Gehalt)
- "Warum ins Büro kommen, wenn ich auch gemütlich von zu Hause oder aus einem Cafe heraus arbeiten kann?"
- "Nach 8 Stunden auf der Arbeit zu Hause nochmal eine Stunde hinsetzen, um Kompetenzen aufzubauen, damit ich meine Arbeit besser erledigen kann?! Nur, wenn ich die Überstunde dann auch bezahlt bekomme."

Inzwischen nehme ich immer mehr die vorherrschende Meinung wahr, dass das Erlangen von Wohlstand und finanzieller Unabhängigkeit die Aufgabe des Arbeitgebers sei. Es ist also das alte Thema, dass der Gaul gern zur Tränke getragen werden möchte. 

Von Jahr zu Jahr verspüre ich mehr und mehr die Erwartung, dass ich mich als Arbeitgeber dabei schlecht fühlen muss, Leistung und Ergebnisse von meinen Mitarbeitern zu erwarten und dass ich darum betteln muss, dass anfallende Aufgaben während der Arbeitszeit erledigt werden müssen. 
Immerhin ist es ja eine echte Zumutung, ja fast schon eine Frechheit, dass ich, wenn ich schon 8 Stunden am Tag auf der Arbeit bin, dann zusätzlich während dieser Zeit auch noch Aufgaben erledigen muss. 

Und immer dann, wenn ich mich ertappe, ein schlechtes Gefühl dabei zu entwickeln, denke ich mir NEIN! Genau dafür bekommen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ihr Gehalt, ohne dass diese das Risiko tragen, welches wir Unternehmer und Geschäftsführer in der freien Wirtschaft schultern. 

Erst kürzlich hatte ich dazu ein Gespräch mit einer langjährigen Mitarbeiterin, die zu mir sagte "Jetzt verstehe ich endlich, was du damit meinst, wenn du von einer Leistungskultur sprichst. Du möchtest eigentlich nur, dass deine Mitarbeiter in den 40 Stunden, für die sie sich vertraglich verpflichtet haben, ihrer Arbeit nachgehen und ihre Aufgaben erledigen." 

Und ja! Es ist zwar traurig, dass der Anspruch in der Zwischenzeit auf dieses Niveau gesunken und selbst das nicht mehr selbstverständlich ist, aber das würde mir in vielen Situationen bereits ausreichen. 

Wofür ich aber tatsächlich jeden Tag kämpfe, ist, wieder zurück in die Erfolgsspur zu finden, die Leichtigkeit in der Zusammenarbeit wiederzuerlangen und das gegenseitige Verständnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu schaffen, dass wir am Ende des Tages in einem Boot sitzen und nur gemeinsam, wenn wir an einem Strang ziehen und jeder seinen Aufgaben fokussiert und gewissenhaft nachkommt, erfolgreich sein können. 
Nur, wenn wir als Unternehmen Leistungen erbringen und Ergebnisse produzieren, ist es mir in meiner Position möglich, jeden mit einem Teil des Gewinns zu belohnen. 

In den Gesprächen, die ich in diese Richtung regelmäßig führe, beschreibe ich das Szenario mit folgendem Bildnis: 

Stell dir vor, dein Ziel besteht darin, in einem luxuriösen Eigenheim im besten Stadtteil zu wohnen. Aber statt dich mit dem Bau eines soliden Fundaments auseinanderzusetzen, träumst du von einer fertigen Villa. Es ist, als ob man sich ein Grundstück kauft und erwartet, sofort einzuziehen, ohne auch nur einen einzigen Ziegelstein zu setzen. Doch das Leben funktioniert nun einmal nicht auf diese Weise. Wenn du ein Fundament aus Erfahrung, Kompetenz und persönlichem Wachstum legen willst, musst du zuerst einige Zeit investieren, um das Fundament zu bauen. Ein Haus wächst nicht über Nacht, genauso wenig wie eine erfolgreiche Karriere.

Viele Menschen in unserer Gesellschaft sind ungeduldig und glauben, sie müssten das Traumhaus sofort beziehen können, ohne den steinigen Weg durch die langwierige und oft anstrengende Bauphase des Berufslebens zu gehen. In ihrer Vorstellung ist es völlig logisch, dass man nach dem Studium das Grundstück kauft (sprich: den Job bekommt) und sofort einzieht – und das ohne den ganzen Aufwand der Fundamentsarbeit. Doch der Arbeitsmarkt ist kein schnelles Umzugsunternehmen, das einem sofort das neue Heim liefert. Wenn man wirklich nachhaltig Erfolg haben will, braucht es Zeit, Erfahrung und vor allem Mut, sich durch das „Baustellenleben“ zu bewegen, bevor man das fertige Ergebnis bewundern bzw. die Früchte daraus ernten kann. 

Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Manch einen catcht diese kleine Story, ein Umdenken findet statt, Motivation entsteht, Gas zu geben und sich zu beweisen. 
Andere fühlen sich aufgrund meiner Worte gekränkt oder missverstanden, fühlen sich teilweise sogar persönlich angegriffen und ziehen ihre Bewerbung zurück, was ich an dieser Stelle völlig in Ordnung finde. 
Ich wünsche ihnen dann für die Zukunft viel Erfolg, denn Karriere hätten diese Personen - mit dieser Einstellung - in unserem Unternehmen sowieso nie gemacht...

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